1828-2019
191 JAHRE BÄCKEREI METSCHER

Mein Team und ich, Harald Metscher, möchten Sie herzlich einladen zu einem kleinen geschichtlichen Ausflug in die letzten 191 Jahre.

Als unsere Bäckerei gegründet wurde, befand sich Langen­weddingen östlich von Preußen und stand unter Herrschaft von König Friedrich Wilhelm III. Es war die Zeit der sogenannten „Restauration“. Nach den Befreiungs­kämpfen 1813 – 1815 sollte ein neuer nationaler deutscher Bundesstaat errichtet werden. Dies erfüllte sich leider nicht, so dass ein locker gefügter Staaten­bund (Deutscher Bund), bestehend aus 35 Fürstenstaaten und 4 freien Städten geschaffen wurde.


Das aber war jedoch nicht das von Dichtern der Freiheitskriege besungene deutsche Vaterland, für das die Freiwilligen in den Kampf gegen Napoleon gezogen waren. Es brodelte in Deutschland. Enttäuschung und Verbitterung bewegte die heimkehrenden Soldaten und die in die Hörsäle zurück­gekehrten Studenten. In dieser unruhigen Zeit wurden in Langen­weddingen vom Bäcker Metscher die ersten Brote gebacken.

Meine Vorfahren erlebten die Revolution 1848. Trotz des Scheiterns gab es jetzt in Preußen eine Verfassung und eine Volks­vertretung. 1858, die Bäckerei bestand bereits 30 Jahre, übernahm Prinz Wilhelm von Preußen die Regentschaft und 1862 wurde Otto von Bismarck zum preußischen Minister­präsidenten ernannt. Bismarck gilt als Gründer des Deutschen Reiches 1871, was von der überwältigenden Mehrheit der Deutschen begrüßt wurde. Zur Zeit der Reichs­gründung erblickte mein Urgroßvater das Licht der Welt.

1888-1918 regierte Kaiser Wilhelm II. Es wird als „Wilhelminisches Zeitalter“ bezeichnet und meine Großmutter Erna Metscher erzählte sehr oft von dieser Zeit. Sie wurde 1904 geboren und an ihrem Geburtstag, dem 27 Januar, brauchte sie nicht zur Schule zu gehen, denn es war ein Feiertag, der Kaiser hatte ebenfalls Geburtstag. Das Auftreten des Kaisers, seine Gebaren und seine Äußerungen entsprachen dem Lebensstil der Gesellschaft, er war beliebt. Glanz und Gloria, Garderegimenter und Kaisermanöver, Stapelläufe und Flottenparaden, deutsche Weltmacht­stellung und Weltgeltung lag über allem, erzeugte ein bisher nie gekanntes Weltgefühl. Wahrhaftig ein Aufstieg ohne gleichen hatte das Deutsche Reich in den knapp 25 Jahren seit seiner Gründung vollzogen. Der Kaiser selbst war jedoch nicht die Persönlich­keit, um die Lücke auszufüllen, die mit dem Abgang Bismarcks 1890 von der politischen Bühne in der Reichsführung entstanden war. Er war oberflächlich und sprunghaft in seinen Entscheidungen, so dass es durch deutsches Fehlverhalten 1914 zum ersten Weltkrieg kam. Deutschland stand Großbritannien, Frankreich und Russland gegenüber.

Zu Beginn der Weimarer Republik, es wird das 90- jährige Jubiläum begangen, war mein Großvater, Friedrich Metscher, 16 Jahre alt. Otto Metscher, mein Urgroßvater versorgte die Menschen in Langen­weddingen so gut er konnte bis zum Jahr der Welt­wirtschafts­krise 1929. Die Bäckerei wurde von meinem Großvater zu einer Zeit übernommen, in der sich die wirtschaftliche Situation in Deutsch­land zunehmend verschlechterte und die Arbeitslosen­zahlen sprunghaft anstiegen. Gleichzeitig erhielten die radikalen Parteien und Republik­gegner starken Zulauf  aus den Reihen der Arbeitslosen und der Enttäuschten. Der seit 1925 amtierende Reichspräsident Paul von Hindenburg, Anhänger der Monarchie, berief 1930 Heinrich Brüning zum Kanzler einer neuen Regierung ohne Bindung an Parteien und Parlament. Das parlamentarische System wurde abgelöst, es kam zur Ausbildung eines autoritären Präsidialregimes. Seit die NSDAP in der Reichstags­wahl 1932 die weitaus stärkste Fraktion im Reichstag stellte, forderte Adolf Hitler vom Reichspräsidenten für sich die ganze Regierungs­gewalt. Am 30. Januar 1933 legte Hitler mit seinem Kabinett als Kanzler den Eid auf die Verfassung des Weimarer Staates ab. Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann der zweite Weltkrieg, mein Großvater ging an die Front und die Bäckerei musste geschlossen werden.

1946 kehrte Friedrich Metscher aus der Gefangenschaft zurück und der Backofen wurde wieder angeheizt. Die Nachkriegsjahre waren sehr schwer, aber gemeinsam mit seiner Frau Erna meisterten sie die Zeit der Lebensmittelmarken. Die abgegebenen Lebensmittelmarken wurden während der Woche in einem Pappkarton gesammelt und am Wochen­ende auf eine ausgebreitete Zeitung geklebt. Die Übergeordnete Stelle kontrollierte und teilte das Mehl zu. Der Hunger war groß und so kam es dazu, dass viele Broten entwendet wurden, es wurde geklaut. Für die fehlenden Brote wurde „schwarz“ Korn gekauft, um die Fehlbeträge auszugleichen.

Am 7. Oktober 1949 wurde die DDR gegründet. Mein Vater, Herbert Metscher, 13 Jahre alt, hatte den Wunsch, Musik zu studieren. Da sein Vater jedoch ein privater Handwerks­meister war, wurde ihm dieser Lebensweg verwehrt und so erlernte er 1951 bis 1954 den Beruf des Bäckers. Für eine einfache Streusel­schnecke waren Lebens­mittel­­marken für 5 Gramm Zucker sowie 10 Gramm Fett abzugeben. Ein Drei-Pfund-Brot kostete 42 Pfennige. 1957 legte er die Meisterprüfung ab und übernahm 1960, gemeinsam mit seiner Frau Brigitte, die Bäckerei. Er führte sie durch die Jahre des Sozialismus. Pfennigartikel für harte Arbeit und nächtliches Aufstehen. In der Einkaufs- und Liefer­genossenschaft wurde eingekauft. Sahna im Karton und Teigschaber gab´s immer. Mandeln zu Weihnachten oder für Bienenstich waren Rarität. Diese mussten außerdem erst gekocht und dann enthäutet werden.

Rückblickend haben meine Vorfahren einige geschichtliche Meilensteine miterlebt. Kurz vor Gründung der Bäckerei wurde das Fahrrad erfunden, 1835 fand die Jungfernfahrt der ersten deutschen Eisenbahn von Nürnberg nach Führt statt und 1879 leuchtete im Menlo Park bei New York erstmals die Glühlampe von Thomas Edison auf.

Tja, nun führe ich die Tradition der Land­bäckerei fort. Geplant war das nicht. Nach meinem Ingenieurstudium fand ich Arbeit in Schönebeck und Wanzleben. Die „Wende“ gab mir die Chance und ich nutze sie. Mit Stolz kann ich sagen, wir backen für Sie seit sechs Generationen.

Tradition verpflichtet